Polen

Magisch – der Glasbrunnen auf dem zentralen Platz der Freiheit
 

Nur wenige Deutsche kennen Poznań (Posen) – den Geburtsort von Polen    

 

Text und Fotos: Renate Stiebitz

 

       Hier gibt es alles: exzellente Küche, moderne und geschichtsträchtige Gebäude, Kunst und Kultur
Reisen nach Posen? Warum eigentlich nicht? Die westpolnische Stadt an der Warthe und Hauptstadt der Woiwodschaft Großpolen hat viel zu bieten. Allein das Flair dieser aufstrebenden Stadt, ihre Farbenpracht, die modernen und geschichtsträchtigen Gebäude sind eine Reise wert. Ebenso ihre reichhaltige Kunst und Kultur. Nicht zu vergessen: Posen gilt als Wiege des polnischen Staates, ist ein bedeutender internationaler Messestandort mit Schwerpunkt Konsumgüter, Zentrum der Industrie, Wirtschaft und Forschung. Unschlagbar – die Polnische Küche. Alles Gründe, sich auf den Weg zu machen, einzutauchen in das pulsierende Leben dieser 540 000-Einwohner-Metropole.
Nach einem kurzen Spaziergang im naheliegenden Park Dąbrowskiego geht´s los – hinein ins Getümmel. Vorher gesellt sich Stadtführerin Katharina Tymek zu unserer Reisegruppe. Munter erzählt sie drauf los und gesteht: „Ich habe mich verliebt in diese Stadt. Viele aus Deutschland kennen Danzig, Krakau und Stettin, vielleicht auch Warschau oder Grünberg, aber Posen nicht.“ Ihre Gäste seien völlig überrascht, hätten nicht erwartet, solch eine großartige Stadt mit so vielen touristischen Attraktionen vorzufinden. „Posen gehört zu den schönsten und ältesten Städten Polens, hat eine interessante deutsche Vergangenheit.“ Voller Leidenschaft für ihre Stadt springt der Funke auf uns über, spannt Katharina den Bogen zwischen Gestern und Heute, erläutert, wie eng die deutsch-polnische Geschichte miteinander verstrickt ist. Posen – die Stadt der Könige und Kaiser! Dahinter zu steigen, bleibt wohl für die meisten Touristen eine Hausaufgabe.
1793 jedenfalls geriet Posen unter preußische Herrschaft, wurde später kaiserliche Reichsstadt. Ab 1939 bis 1945 stand Posen unter deutscher Besatzung. Dazwischen, von 1918 bis 1939, lag die sogenannte „Polnische Zwischenkriegszeit“. In dieser Periode wurden Posen und weite Teile der preußischen Provinz Posen dem restaurierten polnischen Staat angegliedert, verließen 50 000 Deutsche von 60 000 die Stadt.
Heute profitiert Posen von polnischen und deutschen Traditionen. Die Posener definieren sich als „Zentraleuropäer“, sie seien „fleißig, hart arbeitend und gut organisiert“, wie auf ihrer städtischen Homepage festgehalten.
Sehr erfreulich, wie gepflegt und sauber Posen überall ist. Schmierereien an Wänden? Fehlanzeige. Ich konnte nichts dergleichen entdecken. Dafür so manches kreative Wandbild. Farbtupfer für die Stadt mit ihren 110 000 Studierenden. Vor allem in Restaurants, Cafés, Pubs, Klubs, Kneipen und Bars spiegelt sich die Lebensfreude der Posener und ihrer Gäste wider. Allabendlich begegnen sich die Leute bei Konzerten, auf Festivals, im Kino oder Theater, allesamt schick gekleidet, locker drauf.
An diesem gigantischen Bau kommt wohl kaum jemand vorbei: am Stary Browar, ein Kultur- und Geschäftszentrum nahe der Posener Altstadt, mit imposanten Fassaden, grandioser Architektur, alles auf 130 000 Quadratmetern. 2003 eröffnete dieser Komplex, wurde die alte Brauerei in ein Shoppingcenter verwandelt, mit einer Kunstgalerie, Cafégarten, Clubs, Park und Hotel. Draußen thront der zweitgrößte Bierkrug der Welt. Sein Fassungsvermögen –  6000 Liter.
Vorbei an farbenfrohen Jugendstil- und Gründerzeithäusern, gelangen wir vom Stary Browar zur Altstadt, zum ehemaligen Kaiserschloss. Wuchtig steht die "Zwingburg im Osten", wie es hieß, vor uns. Der monströse Bau wurde für Kaiser Wilhelm II. zwischen 1905 und 1910 in neoromanischem Stil errichtet. Die Anlage mit ihren 600 Räumen ist das größte noch erhaltende Schloss der Hohenzollern. Sie gilt als Symbol der deutschen Herrschaft über ehemals polnische Gebiete. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm der polnische Präsident das Domizil. Von 1939 bis 1945 befand sich hier die deutsche „Führer- und Gauleiterresidenz“ im „Wartheland“. Heute gibt es im Schloss das Kulturzentrum „Zamek“ mit Ausstellungen, Animationstheater, Kino, Konzerten, Bildung und Jugendarbeit.
Geheimnisvoll präsentiert sich das Chiffrenzentrum Enigma im Posener Kaiserschloss. Hier können sich Besucher auf eine spannende Zeitreise einlassen, ausgerüstet mit Audio-Guide. An gleicher Stelle befand sich eine Fakultät der Poznańer Universität. Einigen Absolventen dieser Uni gelang es in den 30er Jahren, den deutschen Enigma-Code zu knacken. Das Ganze Drum und Dran dieser Geschichte, die Enigma-Entschlüsselung und Verschlüsselungsmethoden werden im Museum dargestellt.
Liebhaber außergewöhnlicher Kunst werden in Śródka fündig, im ältesten Stadtviertel von Posen. Fantastische 3-D-Wandmalereien sind hier verewigt, mit einem Trompeter auf dem Dach, einer Katze im Hintergrund. 2016 wurde das Kunstwerk zu einem der neuen polnischen Wunder erklärt, in einem von National Geografik Traveler organisierten Wettbewerb.
Absolutes Highlight der Städtetour: die Dominsel sowie das Multimedia-Museum Porta Posnania. Hier werden die Ursprünge des polnischen Staates beleuchtet, die Anfänge der Geschichte von Posen. Eine eiserne Brücke verbindet die beiden ältesten Stadtteile Posens – Śródka und die Insel Ostrow Tumski (Dominsel). In der dortigen Kathedrale liegt der Gründungsherrscher von Polen, Piastenfürst Mieszko I., begraben. Vor mehr als 1000 Jahren ließ er hier eine Burg und eine Kirche bauen. Damit einte er mehrere slawische Stämme, trat 966 zum Christentum über und legte damit den Grundstein für den polnischen Staat. Seither gilt Posen als Wiege der Nation.
Die Zeit rast uns davon. Was kommt als nächstes? Die Ziegenböcke! Sie dürfen wir keinesfalls verpassen: das Symbol von Posen. Täglich versammelt sich eine riesige Menschentraube vor dem Turm des Alten Rathauses, um das Spektakel zu erleben, wie zwei Ziegenböcke punkt 12 Uhr über der Rathausuhr mit ihren Hörnern zusammenstoßen.
Wer über die Schwelle des St. Martinscroissant Museums in Posen schreitet, dem steht eine vergnügliche Stunde mit Chefbäcker Krzysztof und seinem Assistenten Robert bevor. Die Zuhörer erfahren, wie das beliebte Gebäck mit weißem Mohn und Backobst, auch Martinshörnchen genannt, gebacken wird. Alljährlich zum Martinstag werden zwei Millionen Stück dieses beliebten regionalen Produkts in speziellen Bäckereien verkauft. „Hiermit erinnern sich die Menschen an das eigentliche Anliegen des Heiligen Martins, an das Miteinanderteilen“, wie wir von Katharina erfahren.
Auf geht es wieder an die frische Luft – zum Platz der Freiheit, ehemals Wilhelmsplatz. Herrlich, hier zu sein. Diese Weite! Das bunte Treiben am Glasbrunnen! Ein schöner Ort, seine Seele baumeln zu lassen. Rings um den Platz prächtige Bauten, wie das Nationalmuseum, das ehemalige Hotel Bazar und die Raczyński-Bibliothek. Nicht weit weg davon – das Polnische Theater und das Große Theater, erbaut in neoklassizistischem Stil.
Kein großes Theater, dafür ein Reigen von Chorauftritten erwartet uns beim 15. Internationalen Chorfestival der Universitätschöre in Posen, in der Aula des Collegiums Minus der Adam-Mickiewicz-Universität. Wir sind mittendrin im Finale des „Universitas Cantat“ 2022, dürfen einzigartigen Stimmen junger Sängerinnen und Sänger lauschen. Wir lassen die Klänge nachhallen, wollen noch ins „Brovaria“ am Alten Markt, ein Magnet für Einheimische und Gäste aus aller Welt. Hier ist der Saal prall gefüllt, sind Bierbrauer am Werke. Brillante polnische und europäische Spezialitäten landen auf dem Tisch. Alles stilvoll, in modernem Ambiente, mit netter und flinker Bedienung. Hier wird schon mal angestoßen auf die tolle Zeit in Posen. „Ich fühle mich hier jünger als ich bin“, resümiert die 65-jährige Marina S. aus Berlin. „Überall junge Leute, so viel Schwung, freundliche Menschen.“ Ihr gefällt das „Wechselspiel zwischen Stadtgeschichte und Moderne, dass es um Posen herum sieben Seen gibt, so viele Parks mit viel Grün“. Ihr Wunsch für die Stadt: „Viele Besucher.“
Diese werden auch rings um Posen fündig. Hier gibt es alles, was Kinderherzen höherschlagen lässt, zur Freude der ganzen Familie, für Naturliebhaber. So beispielsweise am nahegelegenen Maltasee mit Sommerrodelbahn, Skipiste, Badestrand, Zoo, Wasserskianlage und vielem mehr.
Am letzten Tag fahren wir zum Schloss Rogalin, 20 Autominuten von Posen entfernt. Wir besichtigen das Schlossmuseum, spazieren durch den Schlossgarten und ein kurzes Stück durch den umliegenden Landschaftspark. Die Parkfrische hat uns gutgetan. Es könnte ewig so weitergehen.

Weitere Informationen
www.kultura.poznan.pl
www.POZnan.travel
Polen.travel


Die Recherchereise fand im Rahmen der Kooperation des Polnischen Tourismusamtes Berlin mit dem Club der Reisejournalisten CTOUR statt und wurde vom polnischen Tourismusamt unterstützt.

Nicht nur Charme von Chopin

            Warschau ist noch näher gerückt: Tradition und Kultur, Shopping und Lifestyle – alles da. Neben den mit Fryderyk Chopin verbundenen Stätten besticht Polens Hauptstadt durch schöne Parks, neue Architektur - durch Paläste, Gassen und Winkel - und das angesagte Praga-Viertel.
    
Text und Fotos: Katharina Büttel
 
             Früher Abend auf dem Schlossplatz. Von irgendwo weht Klaviermusik. Auf den Stufen der Sigismund-Säule verträumt ein Liebespaar. Vor sich, wie der alte Sigismund auf der Denkmalspitze, im weiten Blick die Altstadt und Praga - Warschaus Bronx - auf dem rechten Weichselufer. Im Abendlicht verströmen die farbigen Fassaden und das nahe, rot verputzte Königsschloss ihren Zauber.

          Das war nicht immer so. In seiner 700-jährigen Geschichte hat Warschau so manche Katastrophe erlebt. Alt ist hier nichts. So, wie sich die Altstadt, die Adelspaläste und der Schlosskomplex heute präsentieren, sind sie nicht einmal 70 Jahre alt. 1939 zerstörten zum ersten Mal deutsche Brandbomben das Schloss, die historische Altstadt und Warschaus Symbol, die Zygmunt III. Wasa-Säule. Unter ihm, dem König, wurde vor 400 Jahren Warschau anstelle von Krakau polnische Hauptstadt.
          Nach der kompletten Zerstörung durch Hitler 1944 begannen die Polen alsbald, ihre Altstadt originalgetreu zu restaurieren. Anfang der Siebziger begann der Wiederaufbau des Königsschlosses – mit Geldern, die größtenteils polnische Bürger aus dem In- und Ausland aufbrachten. Denn kaum etwas hat für Polen eine so große Bedeutung wie das Königsschloss. Geschichte kann Bewusstsein wecken und hier ist es das Gefühl des Erwachens, das jeden Besucher überkommt – vor allem, wenn man sich dem alten Stadtkern nähert, der zu Recht Unesco-Weltkulturerbe ist.
          Es gibt wohl keine Stadt in Europa, die nach dem Krieg so zerstört war und wohl auch keine, der man es so wenig ansieht. Man ist überrascht, wie anders Warschau heute ist, fast schon amerikanisch: aus einer grauen Stadt ist eine lebendige, vielfältige, pulsierende Metropole geworden. 2012 begann Polens Aufschwung; seitdem hat sich eine stabile Mittelschicht mit enormer Kaufkraft entwickelt. Schon die Architektur von gläsernen Bürotürmen und Luxus-Hotels, die schicken und hippen Restaurants, die renommierten Galerien zeugen von Aufbruch, Willen, Zuversicht. Auffällig sind die vielen jungen Leute, die hier leben, arbeiten, studieren.
          Viel vom alten Charme wurde zum Glück gerettet. Gassen führen zum autofreien Marktplatz Rynek Miasto, dem Schmuckkästchen der Stadt. Die kleine ulica Swietojanska ist die geschäftigste, hier liegt Laden an Laden – mit Bernstein, Devotionalien, Antiquitäten, köstlichem Kuchen. In den Straßencafés fließen Wein, Bier und Capuccino. Die Johanneskathedrale steht offen zur Besichtigung. In dem Gotteshaus im gotischen Weichselstil sind berühmte Persönlichkeiten bestattet: Polens letzter König Poniatowski beispielsweise und Kardinal Stefan Wyszynski. Hinter der Befestigungsanlage Barbakan steht das Geburtshaus der Nobelpreisträgerin Marie Curie. Und Chopins Herz ruht in der nahen Heilig-Kreuz-Kirche. Getreu seinem Wunsch auf dem Sterbebett 1849 brachte es seine Schwester Ludovika heimlich von Paris nach Warschau, in die Heimat.
          Warschau ist und bleibt die Stadt des Fryderyk Chopin, auch wenn viele Europäer den großen Komponisten, Klavier-Virtuosen und -pädagogen gar nicht mit Polen in Verbindung bringen. Dabei zog die Familie kurz nach seiner Geburt 1810 – sein Vater Franzose, seine Mutter Polin von niederem Adel - aus der Kleinstadt Zelazowa Wola ins nahe Warschau in einen Palast direkt am „Königlichen Weg“. Hier wuchs Chopin auf, komponierte im Alter von 19 und 20 Jahren seine beiden einzigen Klavierkonzerte und konzertierte am liebsten in kleinem Kreis in adligen Salons. Das intellektuelle Umfeld sowie seine lebenslange Bindung an Familie und Heimat formten seine außergewöhnliche Persönlichkeit und waren ihm Quelle der Inspiration. Leben und Werk des Musikgenies sind dargestellt im Chopin-Museum im historischen Ostrogski-Palais.  
          Weil Warschau touristisch mit Chopin noch unterwickelt ist, haben die Stadtwerber nachgelegt. Von Mai bis September finden regelmäßig Chopin-Konzerte statt – im Kulturpalast, im Ballsaal des Königsschlosses, in der Philharmonie - sowie Solistenkonzerte in kleineren Musiksälen. Beliebt sind die Openair-Sonntagskonzerte vor dem Chopin-Denkmal im Lazienki-Park, einem der größten Palast-Ensembles Europas, das den Krieg unbeschädigt überstand. Beim Spaziergang spürt man den Glanz alter Zeiten, als der letzte König, Poniatowski, Mitte des 18. Jahrhunderts im „Wasserschlösschen“, im „Weißen Haus“ und dem „Belvedere-Palais“ Hof hielt.
          Mehr als 1000 historische Bauwerke, zumeist des Hochadels, zieren die Weichselmetropole, schmücken den „Königsweg“, der am Schlossplatz beginnt, am Schloss Wilanów endet. Einst war er Schauplatz festlicher Aufmärsche, farbiger Krönungsumzüge, auch blutiger Freiheitskundgebungen. Hier haben sich alle Jahrhunderte und Epochen verewigt. Legendär ist das Hotel Bristol, eindrucksvoll der Präsidentenpalast, in dem Chopin, sechsjährig, sein erstes Konzert gab. Die gesamte Straße ist original und steht unter Denkmalschutz.
          Sie ist pulsierende Achse zwischen hektischem Alltag und ländlicher Idylle. Ein Bummel führt vom Königsschloss gerade in die ulica Nowy Swiat, die gern als längstes Restaurant der Stadt bezeichnet wird: überall Terrassencafés, -restaurants, schicke Geschäfte, elegante Warschauerinnen. Eine prima Idee sind die Chopin-Bänke an markanten Stellen. Der Besucher kann eine Pause nutzen und auf Knopfdruck Wichtiges über Werk und Leben des Komponisten erfahren und dabei seine Musik hören.
          Am Abend nimmt der ganz normale Wahnsinn seinen Lauf: Pferdekutschen holpern in den Altstadtgassen übers Kopfsteinpflaster, Fußgänger strömen zusammen. Trotz der vielen Touristen hat der geschlossene Rynek-Platz seine Intimität bewahrt. Der Blick fällt auf bunt verzierte Fassaden aus Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, golden aufstrahlend in der untergehenden Sonne. Jedes der wieder aufgebauten Bürgerhäuser ist einzigartig – hier Stuckaturen, dort Wandmalereien: tanzende Jünglinge, grimmige Löwenköpfe. Auch in den Innenräumen der alten Lokale „Fukier“ und „Bazyliszek“ spricht die Geschichte die Sinne an. Über Adam Mickiewiecz, der auch als Goethe Polens apostrophiert wird, informiert das Literatur-Museum, Haus Nr. 20, wo die Kunstmaler mit ihren Staffeleien stehen.
          Am Ende des Abends könnte man auf einen Chopin-Wodka ins neue alte Szeneviertel Praga wechseln – wild, kreativ, lebenslustig, authentisch mit herrlicher Sicht auf die Altstadt. Oder zum „Stachelriesen“, dem 321 Meter hohen Kulturpalast aus der Sozialismus-Ära, Warschaus wenig geliebtes Wahrzeichen.

 

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Service „Warschau“

Einreise: Personalausweis genügt.
Anreise: z.B. ab Berlin in knapp 1 ½ Stunden mit LOT Polish Airlines nach Warschau zum Chopin-Flughafen, www.lot.com; Bahnfahrt ca. 6 Stunden; mit dem Auto ebenfalls ca. 6 Stunden.  
Hotels: z.B. NYX Hotel by Leonardo Hotels mit außergewöhnlichem Innendesign; 2 Tage ca. 77 Euro/p.P./o.F.; Hotel Bristol ab 148 Euro 1 N//DZ/F u.a.
Restaurants: Historisch: auf dem Rynek Starego Miasta „Gessler“, „Bazyliszek“, „U Fukiera“; „Polska“ in der ul. Nowy Swiat mit polnischer Küche; neue Locations: „Warszawski Sen“, „Warszawa Wschodnia“ u.a.
Cafés: „Zamek“, „Nowy Swiat“, „Café Bristol“ im Art Déco-Stil (die berühmte Torta Kremówka probieren!). Im Schokoladenhaus „Wedel“ gibt’s die üppigste Trinkschokolade der Welt; seit 150 Jahren an der Nowy Swiat das Café „Blikle“: Krapfen mit Rosenmarmelade gefüllt ein Genuss, u.a.
Kultur: Das Chopin-Festival findet alle 5 Jahre statt (nächsten Termin nachfragen); zweimal wöchentlich Chopin-Konzerte in Chopins Geburtshaus sowie im Park in Zelazowa Wola; täglich ein Chopin-Konzert im kleinen, feinen ‚Chopin-Konzertsaal‘ nahe dem Königsschloss, www.fryderyk.events; Jazz-Konzerte u.a. auch in der Philharmonie; - Neon Museum für Lichtwerbung in der Praga Soho Factory, www.neonmuzeum.org; sehenswert sind Häusermalereien weltberühmter Künstler; das Wodka-Museum im Praga Centrum Koneser; außergewöhnlich das POLIM-Museum über die jüdische Bevölkerung; ein Muss das Muzeum Powstania, das den Aufstand der Warschauer gegen die deutschen Besatzer zeigt, u.v.m.
Näheres: Polnisches FVA, 10709 Berlin, info.de@polen.travel, www.polen.travel

Schau der schönsten Krakauer Weihnachstkrippen zum 75. Mal

 

Text und Fotos: Bernd Stiebitz

 

 

Wie in jedem Jahr werden in der Vorweihnachtszeit in Polen in den katholischen Kirchen Weihnachtskrippen aufgestellt, welche an die Geburt Christi erinnern. 

Anders präsentieren sich die Krippen in Krakau, der historischen Hauptstadt Polens.

Sie erinnern ein wenig an Elemente des Puppentheaters und bestanden ursprünglich aus Pappe und bunter Aluminiumfolie. Die typische Krakauer Krippe „Szopka“ (polnisch: Schuppe, Hütte) ist ein märchenhaftes kleines Gebäude mit Türmen und Kuppeln nach Motiven der historischen Architektur Krakaus. Diese wunderbare, einzigartige Darstellung, die an eine Kirchenfassade erinnert, ist in Krakau im 19. Jh. entstanden. Natürlich dürfen die Heilige Familie oder legendäre Persönlichkeiten wie der Krakauer Drache oder der Tatarenreiter nicht fehlen.

Auch findet man auf jeder Krakauer Krippe patriotische Elemente wie das Wappen Polens oder Krakaus und weiß – rote Fahnen angebracht.
 

Jeden ersten Donnerstag im Dezember findet in der polnischen Metropole der Wettbewerb um die schönste Krippe statt.

Zu den ersten Wettbewerben wurden einfache Konstruktionen aus Pappe oder Holz, beklebt mit buntem Papier und mit bescheidenen Dekorationen, vorgestellt. Die Gestalten innen wurden aus Papier ausgeschnitten und mit Kerzen beleuchtet. Mit der Zeit fing man an, bunte und glänzende Bonbonpapiere zu verarbeiten. Die heutigen Krippen sind mit Holzlatten konstruiert, elektrifiziert und mit glänzendem Stanniol und selbstklebenden Folien dekoriert. Die in den Krippen präsentierten Figuren sind aus Holz, Gips, Modelliermasse oder Kunststoff hergestellt und tragen schöne bunte Gewänder.

In diesem Jahr, in dem der Konkurs bereits zum 75. Mal stattfindet, beteiligten sich über 200 Krippenbauer mit Ihren Bauwerken.

Neben den klassischen Exponaten aus Pappe und buntem Stanniolpapier werden aber auch neue, kreative Modelle vorgestellt. Die wohl kleinste Szopka, präsentiert auf einem Teelöffel, oder die aus Holz auf einer Baumscheibe mit dem neuen Krakauer Wappen, ob zusammengesetzt aus Legosteinen oder ein Modell aus (ungekochten) Nudeln; die Kreativität bei den Erbauern kennt keine Grenzen. Gruppen aus Kindereinrichtungen und Schulen beteiligen sich am Wettbewerb, ebenso wie Familien oder Einzelpersonen. Auf den Stufen des Mickiewicz-Denkmals am Krakauer Marktplatz werden die Krippen aufgebaut. Nach einer Bewertung durch eine Jury werden die besten Modelle prämiert und auf einer Ausstellung bis in den Februar in einer gesonderten Ausstellung präsentiert.

 

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...und abends einen Bärenfang

         Was tun gegen den Winterblues? Ermland-Masuren im Nordosten Polens wirbt mit Wellness in Schlössern und Burgen in stillschöner Landschaft. Und die neue Fluglinie nach Allenstein bringt einen bequem und schnell in den Kurzurlaub.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

          Symphonie in Weiß.

          Auf der Fahrt durch die endlosen Alleen schließen sich über uns die überzuckerten Zweige zu einem weißen Tunnel, bizarr gepuderte Kiefern und Tannen rahmen Dörfer, Bäche und Wanderwege. Sonnenstrahlen blitzen durch die Kronen der knorrigen Baumriesen und bringen das Land in der kalten und klaren Luft  zum Leuchten.

          Tags kalt, abends warm, so lieben es die Gäste der Mazury, von Masuren. Tags durch den Schnee, nachmittags im wohlig temperierten Pool. Welt- und stressentrückt in den Dämpfen von Myhrre und Kamille. Abends am knisternden Kaminfeuer, von innen gewärmt  von Tee mit „Strom“ - Wodka oder Rum – oder dem populären Honigschnaps – bis jetzt allerdings für einen Kurzurlaub schwer umzusetzen. Musste man doch nach Warschau oder Danzig fliegen, fast vier Autostunden von den Ferienzielen rund um die 3000 Seen entfernt,

oder lange Bahnfahrten in Kauf nehmen.

          Ein touristischer Aufwind, verbunden mit der Hoffnung auf eine Verlängerung der Saisons, weht über Masuren, seit nun die polnische Airline SprintAir dreimal die Woche Flüge von Berlin in die Woiwodschaft Ermland-Masuren anbietet. Sogar mit Bahnanschluss vom schick designten Flughafen Szymany in die 40 Minuten entfernte Hauptstadt Allenstein, Olsztyn. Von hier wie dort erreichen nun die Urlauber die großen Masurischen Seen und die westmasurische Seenplatte – Teil von ehemals Ostpreußen - in rund einer bis anderthalb Stunden. Mietwagen stehen am Flughafen bereit.

          Astronom Kopernikus lebte hier

          Ab Allenstein ist Reiseleiterin Joanna dabei, mit der wir das große Los gezogen haben. Sie spricht gut Deutsch, ist versiert in Geschichte und Geografie und gibt so manchen Geheimtipp. Wir spazieren durch die komplett restaurierte Altstadt - mit knapp 180.000 Einwohnern größte Stadt von Masuren, zugleich wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Gotische Giebelhäuser mit Arkaden säumen den Marktplatz, die Backsteinkirche St. Jakob ragt über die Dächer. Touristischer Anziehungspunkt ist natürlich das gotische Schloss, eine mächtige Wehrburg der Ordensritter aus dem 14. Jahrhundert. Es birgt heute das wichtigste Museum Masurens – mit Exponaten aus dem Leben von Nikolaus Kopernikus (1473-1543), der sechs Jahre lang als Kustos in der Burg residierte.

           Das leicht gewellte Land verzaubert. Vorbei an bunt geschmückten Holzkreuzen und Bildstöcken geht die Fahrt nach Lidzbark Warminski (Heilsberg). Wenn in der ruhigen Jahreszeit die Menschen sich rar machen, in den Lüften die Seevögel kreischen, öffnen die Hoteliers ihre Häuser für alle, die die Einsamkeit und Schönheit der Landschaft suchen, und bieten ihnen Wellness und Beauty.

          Besonders die Hotels der oberen Preiskategorie verwöhnen den Gast in ihren Bade- und Saunaoasen, lassen rund ums Thema Wellness kaum noch Wünsche offen. Das Burghotel Zamek Krasicki, im Herzen der Stadt zwischen den Flüssen Lyna und Symsarna gelegen, ist ein Juwel mit Geschichte. Dort, wo einst die Bischöfe von Ermland hinter gotischen und barocken Mauern residierten, verleben heute Jung und Alt unbeschwerte Stunden im ungewöhnlich ausgestatteten Hallenbad, im Jacuzzi, bei Fango oder Schönheitspflege in orientalischer, asiatischer Tradition. Der absolute Hit im Spa sind Beauty-Workshops für Frauen nach dem Motto „wie wird sie noch schöner“.

          Mit guter polnischer Küche verführen die Gastwirte

          Wer eine bescheidenere Unterkunft vorzieht, muss auf einen Wellness-Urlaub keineswegs verzichten. Wenn draußen der Wind von den Seen übers Land fegt, legt sich in der Badelandschaft oder in der Solegrotte der geschmackvoll ausgestatteten neuen Therme Warminskie wohlige Wärme wie ein Kokon um den Körper; einzig Zeit und Muße braucht’s zur Entspannung.

          Die Tage sind kurz, schon am Nachmittag versinkt die Welt in Dunkelheit. Dennoch bleibt genug Raum, die Reize der ehemals ostpreußischen Provinz im wahrsten Sinne auszukosten. Am Abend schmausen wir in der urgemütlichen, mit traditionellem Kunsthandwerk ausgeschmückten Gaststätte ‚Karczma‘ Piroggen, mit Fleisch oder  Quark gefüllt, Kartoffelkuchen und Zeppeline, Klöße mit Fleisch gefüllt. Zur Begrüßung gibts Quittenlikör Pigwowka, zum Essen schmeckt Swieze“, das regionale Bier. Getrunken wird hier übrigens alles, was selbstgemacht ist – Kirsch- und Himbeerlikör, Mohnschnaps, Wodka mit Honig und Pfefferminz. Danach läuft alles bestens - wird behauptet.

          „Ryn am Talter See“, erzählt Joanna, war früher eine der größten Burgen des Deutschritterordens. Heute ist der trutzige Bau ein stilvolles Vier-Sterne-Hotel mit großzügigem Spa-Bereich und guter Küche. Wir stehen in dem 900 Quadratmeter großen, überdachten Schlosshof und staunen. „Er ist der größte in ganz Europa mit Platz für tausend Gäste“, erklärt der Hoteldirektor stolz. „Auch unser kleiner 3000-Seelen-Ort wird Sie überraschen“, fügt er hinzu. Mit Mitteln aus EU-Töpfen hat er einen properen Anstrich bekommen, ist liebevoll saniert und ein guter Ausgangspunkt für viele Aktivitäten in einem Radius von nur einer Stunde Fahrt.  

           ‚Easy going‘ im Land der Seen und Schlösser

           Im „Land ohne Eile“, wie Schriftsteller Arno Surminski seine Heimat nannte, ist am Talcky Kanal der Beginn eines insgesamt elf Kilometer langen Wasserstraßengeflechts, das die nördlichen mit den südlichen Seen verbindet. Im Sommer ist die Moränenlandschaft ideales Terrain für Paddler, Segler und Kanuten. In der kalten Jahreszeit „fliegen“ Eissegler über den Boczne-See vor der Mündung in den Nigocin. Hier, in der Nähe von Gizycko, dem ehemaligen Lötzen, hat sich eine eingeschworene Eisseglergemeinde gebildet. Lässt es das Winterwetter zu, treffen sich die „Eisverrückten“ und pfeilen mit bis zu 100 Stundenkilometern über das Eis. Jeder, ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, kann mitmachen. Die Bedingungen sind bestens – genügend Boote, gute Infrastruktur, gemütliche Unterkünfte. Ihre Begleiter vergnügen sich bei Kutschfahrten und Lagerfeuerromantik in den Wäldern oder wagen sich in die Langlaufloipen.

           Nach einer halben Stunde Wind und Kälte braucht man einen heißen Tee mit Wodka am lodernden Kamin im preisgekrönten, historischen „Schwarzen Schwan“ in Rydzewo. Am Abend serviert der Wirt regionale Küche mit eigenem Charakter, zum Beispiel Piroggen, diesmal gefüllt mit duftenden Waldpilzen.

            Zum Ausgleich für den milchigtrüben Winterhimmel von gestern brennt heute die Abendsonne ein grandioses Farbspiel ab. Durch die kahlen Äste glühen die Wolken feuerrot, die Kirchtürme ragen wie Scherenschnitte in den Himmel. Unterwegs sind wir zu Piotr Ciszek, neuem Hausherrn von Schloss Nakomiady. Das von ihm und seiner Frau über zehn Jahre wunderschön restaurierte Anwesen aus dem 17. Jahrhundert mit Park, Themengärten und Kachelmanufaktur liegt bei Ketrzyn, einst Rastenburg - zu ostpreußischer Zeit berühmt für seine Trakehner-Gestüte. Auch hier sind wir hochwillkommen - und wir sind gerne hier - zu Gast in Masuren, in Polen. 

 

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Service zu „Masuren“ in Polen

 

Anreise: Seit Januar 2016 ab Berlin mehrmals die Woche fliegt die polnische Airline SprintAir in ca. 1 Stunde nach Olsztyn-Mazury, Hin- und Rückflug ab ca. 80 Euro; Flüge ebenfalls nach Krakau. Buchungen: www.sprintair.eu

Einreise: Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist.

Reisezeit: Das ganze Jahr über. Bunt und farbenfroh ist die Natur, das Kapital der Masuren, von Mai bis Oktober.

Unterkünfte mit Wellness-Angeboten:

Hotel Marina Club& Spa: ein prämiertes 5-Sterne-Haus traumhaft gelegen auf einer Landzunge mitten auf dem Wulpinskie See, 9 Kilometer von Olsztyn/Allenstein entfernt. Zwei Kilometer entfernt liegt ein 18-Loch-Golfplatz. www.hotelmarinaclub.pl

Das  4-Sterne-Hotel Krasicki wahrt den historischen Charakter: die Perle Ermlands war Sitz der ermländischen Bischöfe. Sehenswerte und prämierte Symbiose von „Architektur & Design“. E-mail: hotel@hotelkrasicki.pl; www.hotelkrasicki.pl

4-Sterne-Schlosshotel Zamek Ryn, gut gerüstet für Kinder, mit einem extra Gasthof direkt am Rynskie-See. E-Mail hotel@zamekryn.pl; www.zamekryn.pl

Privatschloss Palac Nakomiady (Eichmedien) von 1704; neun individuell gestaltete Zimmer mit Schlossambiente, ca. 50 Quadratmeter groß. Gemüse und Kräuter wachsen im Schlossgarten – angelehnt an den Barockgarten des Chateau de Villandry an der Loire.

e-mail: palac@nakomiady.pl; www.nakomiady.pl

Auskunft: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin; Tel.:

030-2100920, e-mail: info.de@polen.travel; www.polen.travel

Wilde Verstecke für Wisent, Wolf und Wildpferd      

           Ostpolen: Auf der Storchenroute durch den letzten Urwald Mitteleuropas mit Besuch der Nationalparks Bialowieza, Narew und Biebrza.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

          Unbeweglich und aufmerksam mustern dunkle Augenpaare die Störenfriede. Dann senkt einer der zotteligen Kolosse von fast 800 Kilogramm seinen massigen Schädel mit einem Ruck, es sieht aus, als ginge er zum Angriff über. Vor seinen Nüstern wirbelt Staub auf, er stampft mit den Hufen auf dem Waldboden. Schon nach wenigen Metern bricht der Wisent-Bulle den Sturmlauf ab und verharrt vor den Gitterstäben eines Metallzauns. Der trennt die Wisente des Schaureservats im Nationalpark Bialowieza (NP) vom Besucher, der trotz Schutzvorrichtung mit Herzklopfen unwillkürlich zurückweicht. Europas größtes Säugetier streift normalerweise durch den Urwald von Bialowieza, jetzt zupft er hier vom süßlich-herb duftenden Marienbüffelgras. Ein Halm davon in jeder Flasche Wodka „Zubrowka“ macht seinen unverwechselbaren Geschmack. 

          Weil man diese urtümlichen Tiere – um die 450 frei lebende Exemplare sollen es sein -  im Wald von Bialowieza so gut wie nie erspäht, schuf die NP-Verwaltung das Schaugehege sowie das „Europäische Bisonzuchtzentrum“. Die dort lebenden Wisente und Tarpane - die schon im 18. Jahrhundert ausgerotteten Urpferde Europas - sollen bei Epidemien einen Neubeginn ermöglichen. Das Schutzgebiet Bialowieza ist mit 1500 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie Berlin und liegt 220 Kilometer nordöstlich von Warschau in der Woiwodschaft Podlachien  – ein Drittel in Polen, zwei Drittel in Weißrussland. 1979 wurde der NP in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen.

           Der Wisent ist Symbol Polens

           „Unser Wald ist der letzte natürliche Primärwald in Mitteleuropa, der Wisent das Symbol unserer Natur und unseres Landes“, sagt mit Stolz der pensionierte Parkdirektor und Forstwissenschaftler Czeslaw Okolow. Wir stehen auf dem Aussichtsturm des Naturkundemuseums im Schlosspark von Bialowieza, sehen Urwälder bis zum Horizont. „Die reichen bis nach Sibirien“!

           Bis in die Neuzeit diente der Urwald, die „Puszcza“ von Bialowieza den polnischen Fürsten als Jagdrevier. So ließ August der Starke als „König in Pohlen und Churfürst zu Sachsen“ am Eingang zum Palastpark die Ausbeute einer Jagdpartie vom 27. September 1752 auf einem Obelisken einmeißeln. Entstanden ist der 50 Hektar große königliche Park im englischen Landschaftsstil um die Jagdresidenz des Zaren Alexander III. im 19. und 20. Jahrhundert. Die brannte 1944 aus, der ehemalige Zarenbahnhof blieb übrig. Züge fahren hier schon lange nicht mehr vor, Gras wuchs über die Schienen, bis 2007 das Restaurant „Carska“ eröffnete und erste Gäste in den historischen, für Touristen elegant umgebauten Zugwaggons wohnen konnten.

          Dinieren im historischen Zaren-Bahnhof

          Nun heißt es: Aufsteigen und Platz nehmen auf den beiden Holzbänkchen der grün-gelb gestrichenen Draisine. In der Ebene kommen wir mit dem durch Muskelkraft betriebenen Schienengefährt flott und mühelos voran. Schnurgerade und leise geht es dahin durch die Wald- und Wiesenlandschaft, zwischen gelben Blumen und weißen Birkenhainen. Schweißtreibend ist die Rückfahrt, dann rollen wir im Zaren-Bahnhof „Bialowieza Towarowa“ ein und freuen uns auf ein „königliches“ Mittagessen im restaurierten Zaren-Restaurant. Drinnen fällt der Blick auf ein Portrait des Zaren Nicolai II., des letzten Romanoffs, der fünfmal hier war. Bei schönem Wetter sitzen die Gäste direkt an den Gleisen, unter grünen Sonnenschirmen, auf dem Bahnsteig. Eine eigenartige Atmosphäre; hier möchte man lange verweilen.

           Durchs Land der vollen Storchennester

           Im ruhig getrabten Tempo fährt Jurek die Pferdekutsche durch eine gesunde, harmonische Landschaft. Immer wieder Felder mit hohem Gras, Laubwaldgruppen und Birkenhaine. Hier und da drücken Storchennester vom Gewicht einer halben Tonne auf die niedrigen Häuschen. Die schönsten, größten Nester aber sehen wir am Schluss der Reise im „Europäischen Storchendorf Pentowo“, wo auf einem alten Gutshof an die 100 Störche - von 40 000 einheimischen - leben. Dorthin fährt man durch wenig besiedelte orthodoxe Straßendörfer wie Puchly, Soce und Trzscianka – durchs Land der „offenen Fensterläden“: Bauernhäuser in typischer Holzarchitektur im Bielsk- und Hainowska-Stil - hohe, geschnitzte Giebeldächer mit reicher Ornamentik, die Fenster in kunstvollen Schnitzwerkrahmen. Besonders hübsch die russisch-orthodoxen Kirchen in leuchtendem  Blau oder Grün und die Kreuze am Wegesrand.          

           Endlich gelangen wir durch hohe Holztore hinein in den Bialowieza Nationalpark. Das Licht ist gedämpft, Tageszeiten verschwimmen. Der Wald hier kann finster sein. Ganz weit oben stehlen dichte Fichtenkronen – sie werden bis zu 55 Meter hoch – das Blau des Himmels.

          Maria kennt das Staunen, die zweifelnden Blicke der Besucher: das ist doch kein Wald hier, das ist doch das Chaos! Die Mitfünfzigerin ist studierte Germanistin, seit 26 Jahren macht sie Führungen durch die Wildnis. Sie hilft, den Wald vor den Menschen zu schützen, achtet auf die Einhaltung der strengen Regeln. Und sie lässt mit ihrem unerschöpflichen Wissen Einheimische wie Touristen den Wald und sich selbst mit anderen Augen sehen.

          Der Urwald ist voller Leben

         „Natur Natur sein lassen, das war die Idee! Die Eichen, Linden und Hainbuchen, Kiefern und Fichten keimen, wachsen und vergehen dort, ohne dass der Mensch eingreift, und das seit 5000 Jahren“. Maria zeigt eine 700 Jahre alte Eiche, dann auf einen Zunderschwammpilz: „Der brennt wie Zunder; der rosa Seidelbast dort ist hochgiftig; drei bis vier rote Beeren können Menschen töten“!

          Je weiter wir auf dem Wanderpfad „Königliche Eichen“ – jede Eiche trägt den Namen eines polnischen Fürsten - in die  „grüne Hölle“ vordringen, desto wundersamer wird diese Welt: perfekt organisiert, komplex, symbiotisch. Wirr und verwoben, verstrickt und undurchdringlich erscheint der Wald, aber mit Chaos hat das auf einmal gar nichts mehr zu tun. Wir laufen und schauen, staunen über all die Stämme, die riesigen Wurzelteller, Moose – über 1000 Pflanzenarten gibt es hier. Farne werfen filigrane Schatten, über uns hämmert ein Buntspecht. Schwarze Käfer krabbeln aus dem verrotteten Stamm einer umgestürzten Eiche. Und die Tiere? Die machen, was sie wollen – der Wald ist nicht eingezäunt…

           Paradies für Zugvögel

           Ökologisch verbindet der Urwald auch die NPs Biebrza, Wigry und Narew, Polens „grüne Lungen“. Das Biebrza-Tieflandbecken mit 100 Kilometer Länge ist der größte Nationalpark; er besteht überwiegend aus unzugänglichen Sümpfen, Torfmooren, Wäldern und Feuchtwiesen. Ein Wasserlabyrinth von 45 Kilometern ist der Narew-NP bei Waniewo und ein Vogelparadies mit 203 verschiedenen Arten. Dem Besucher helfen hölzerne Laufstege und Brücken über das rauschende Riedgras, die morastigen Sümpfe; lautlos gleitet er per Boot, Floß oder Kanu über die Wasserflächen. Und im Winter und Frühjahr, wenn Narew und Biebrza die Täler überschwemmen, wimmeln die sumpfigen Flächen von Zugvögeln in wildem Geschnatter.                                                                              

                  
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Service: Polen-Podlachien

 

Anreise: z.B. fliegt AirBerlin von Berlin nach Warschau. Seit diesem November fährt wieder ein Zug ab Warschau in 2,5 Std. nach Bialystok, Hauptstadt Podlachiens. Ca. 200 Kilometer sind es auf der Schnellstraße S 8. In den Bialowieza NP sind es 90 Kilometer in südlicher Richtung bis Bielsk Podlaski, von dort auf der Landstraße Nr. 685 Richtung Weißrussland (Belarus) über Hajnowka bis Bialowieza.

Einreise: seit Eintritt in die Schengenzone 2009 kann jeder ohne Pass einreisen.

Unterkunft: In den Naturgebieten Ostpolens ist die Auswahl an Hotels und Pensionen begrenzt. Empfehlenswert in Bialowieza ist das schön restaurierte „Hotel Bialowieski“ mit neuem Wellnessbereich und gutem Essen; www.hotel.bialowieski.pl. Im Storchendorf Pentowo wohnt man in familiärer Atmosphäre auf dem Reiter-Gutshof „Pension Pentowo“. Überall im „Land der offenen Fensterläden“ werden Privatzimmer angeboten – DZ/F ab 20 bis 40 Euro. – Eine Nacht im Salonwagen des Zarenzuges im ehemaligen Zarenbahnhof von Bialowieza kostet ab 85 Euro, ein stilvolles Apartment dort im Wasserturm ca. 132 Euro. Man spricht Deutsch.

Sehenswert: Das Gebiet der NPs ist ideal für Radfahrer und Wassersportler. Es gibt Verleihstationen an den Hotels und in den Orten. Viele Wanderwege durchziehen die Schutzgebiete mit Aussichtstürmen für Ornithologen.

Auf der 412 Kilometer langen Storchenroute liegt die barocke Residenzstadt Tykocin. Ein Ort wie aus der Zeit gefallen: Denkmal des polnischen Nationalhelden Stefan Czarniecki, das rekonstruierte Schloss, die Kirche mit prächtiger Fassade und großartiger Orgel; Polens zweitgrößte Synagoge mit koscherem Restaurant „Tejsza“.

Bialystok nahe der  Grenzen zu Weißrussland, Litauen und Russland hat 300.000 Einwohner, 22 Hochschulen mit 50.000 Studenten. Der Vater der Weltsprache Esperanto, Ludwik Zamenhof, wurde 1859  hier geboren. Die Stadt war und ist multikulturell. Herzstück der Stadt ist der restaurierte barocke Branicki-Palast der mächtigen Familie Jan Klemens Branicki aus dem 18. Jh. Das restaurierte Zentrum zieren heute um den lebhaften Marktplatz pastellfarbene Häuser, Straßencafés, Restaurant, Geschäfte.

Nationalparks: Im NP Bialowieza gibt es außer dem Palastpark, dem Wisentgehege, das Natur- und Waldmuseum mit Gästezimmern; email: hotel@bpn.com.pl; Öffnungszeiten: das ganze Jahr hindurch von 9 bis 16.30 Uhr sommers; bis 16 Uhr winters.

NP Narew: Der Park ist 7350 ha groß, 1996 gegründet, umfasst das sumpfige Narew-Tal. Sein Reichtum sind Wasser- und Sumpfvögel. Paddelfahrten werden organisiert. Näheres:www.npn.pl

NP Biebrza-Flusstal: Größtes Sumpfgebiet in Mitteleuropa, 100 km lang. Fast 270 Vogelarten und ca. 700 Elche leben hier, über 1000 Pflanzenarten. Paddel-, Kanu- und Floßfahrten möglich. Näheres: www.biebrza-org.pl

Veranstalter: Spezialisten für Reisen nach Polen: Mare Baltikum Reisen, www.mare-baltikum--reisen.de; Panek Touristik, www.panek-touristik.de

 Informationen:

Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin;

Telefon: 030-210092-0; Fax: -14; info@polen-info.de; www.polen.travel/de

Vom geschäftigen Treiben ist auf dem Marktplatz kaum etwas zu spüren. Foto: Fremdenverkehrsamt Polen

Trompetensolo und ein Hauch Krakau

Text und Fotos: Heidrun Lange

 

 

          Zamosc ist eine der schönsten Renaissance-Städte Polens.

Bürgermeister Marcin Zamoyski schaut aus dem Fenster seines Rathauses. Es ist 12 Uhr mittags. Auf dem Großen Markt in Zamosc bildet sich eine Menschentraube und hört dem feierlichen Trompetenspiel zu, das vom 50 Meter hohen Rathausturm erklingt. Der Trompeter, mit einem rotem Umhang bekleidet, bläst in drei Himmelsrichtungen. Den Westen übergeht er, denn dort befindet sich die alte Königsstadt Krakau, das heutige Krakow. Die große und traditionell ungeliebte Konkurrenz. Die bis heute zelebrierte Abneigung besteht seit den Anfängen der südostpolnischen Kleinstadt. „Mit Krakau haben wir nicht viel am Hut. Unsere Stadt ist immer noch die Schönste", sagt Zamoyski, ein Nachkomme des ehemaligen Stadtgründers Jan Zamoyski. Dieser war Ende des 15. Jahrhunderts Sekretär des Königs, später Kanzler und dann Großkanzler. Nach seinem Studium in Padua lud er den Baumeister Bernardo Morando nach Polen ein, um eine Stadt als Festung, Kultur- und Handelszentrum zu bauen. Morando entwarf am Reisbrett was zu besichtigen ist. In die vormals bestehende gewaltige Festung schlug er fünf Tore, von denen alle noch erhalten sind. Für den „Salon" der Stadt plante er die große Piazza, flankiert von zwei kleineren Plätzen westlich und östlich davon.

         Zamosc ist eine Stadt, die sich am besten zu Fuß erkunden lässt. Der Bürgermeister lädt zu einem Spaziergang in die kleine, überschaubare Altstadt ein. Den zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung hat sie ohne größere Schäden überstanden und zählt seit 1992 zum Unesco - Weltkulturerbe. Vor den eleganten Bürgerhäusern, die zum Teil wieder in altem Glanz strahlen und den großen quadratischen Marktplatz säumen, bleibt er stehen. Lindgrün, safrangelb, sienarot und azurblau erstrahlen die Fassaden. Über dem zweiten Stock strecken sich Giebel mit feinen Türmchen in die Höhe. Pflanzenornamente, Arabesken, Heiligenbilder, der Erzengel Gabriel und ein geflügelter Drache schmücken die Domizile der ehemaligen Kaufleute und geben jedem von ihnen ein eigenes Gesicht. Aber nichts wirkt starr und behäbig. Weit weg ist die Welt der armenischen Getreide- und jüdischen Holzhändler, der deutschen Kaufleute, die einst am Platz gewohnt haben. Jugendliche knattern mit ihren Mopeds über das Pflaster. In der Mitte des Platzes kein Denkmal, kein Brunnen, nur ein Blumenbeet von einem Betonsockel eingefasst. Auf ihm sitzen Studenten und plaudern. Auf dem Marktplatz hat Rosa Luxemburg ihre ersten Schritte gemacht. Eine kleine Plakette erinnert in der Staszica Straße 37 an die Arbeiterfunktionärin. In der Straße Bernardo Moranda findet sich ein Musterhaus des Architekten, nach dessen Vorbild die Gebäude geschaffen wurden: einheitlich zweistöckig mit Bogengängen im Erdgeschoss und gekrönt mit reich geschmückten Giebeln.

         Und überall wird die Familiengeschichte der Zamoyskis erzählt: Hinter jeder Ecke stößt man auf ein Ölgemälde eines Mitglieds. Die Ähnlichkeit mit dem heutigen Stadtoberhaupt ist unverkennbar. Vor dem Denkmal des Stadtgründers bleibt der Bürgermeister stehen und schaut ehrfurchtsvoll nach oben. „Er war nicht nur ein Baumeister, sondern er war der zweithöchste Feldherr nach dem König, der sein Können in zahlreichen Schlachten unter Beweis stellte." Die Büste ist moosbewachsen, doch die buschigen Augenbrauen strahlen und der zottige Schnurrbart wirkt kraftvoll. Im Rücken der Bronzefigur steht das ehemalige Schloss. Offenbar wendet der Stadtgründer seinen Blick von dem Gebäude ab. Zu Recht, wie es scheint, denn fast nichts mehr erinnert an den alten Glanz. Heute nutzen Gerichtsbehörden das Schloßgebäude. Einheimische aus der Umgebung lehnen an der Mauer und reden. Sie warten vor dem Eingang auf ihren Prozeßtermin. Zwei schmale Treppenhäuser führen in die oberen Stockwerke. Statt Kronleuchtern und Kandelabern leuchtet kaltes Neon den Weg zu Amtszimmern mit Aktenschränken, Computern und Gummibäumen.
Ein paar Gassen weiter fällt ein Gebäude ins Auge. Es ist zweistöckig wie die umstehenden Häuser, aber weit prachtvoller verziert als die anderen, ein kleiner Vorplatz hebt es zudem von der Straße ab, die ehemalige Synagoge. Sie beherbergt heute die städtische Bibliothek.
          Touristen in überschaubarer Zahl laufen die Arkaden entlang und entspannen unter den Sonnenschirmen der Cafés am Großen Marktplatz. Es wird wieder gebaut in Zamosc. Nicht so großflächig wie zu seiner Gründerzeit, aber so, dass der Spaziergänger immer wieder auf Absperrungen stößt und auf Gassen mit aufgerissenem Straßenpflaster. Anders als damals ist der Geldgeber kein vermögender Großadliger, sondern die Europäische Union.

 

 

 

 

Auskunft:

Anreise:
Der Flughafen Warschau ist der beste Ausgangspunkt für eine Reise nach Polen. Von dort geht es mit dem Bus oder der Bahn nach Zamosc. Lufthansa oder die polnische Airline LOT fliegen ab allen größeren Flughäfen nach Warschau. www.lufthansa.com oder: www.LOT.com

 

Unterkunft:
Einfaches Gästezimmer ab 30 Polnische Zloty (ca 7.50 Euro) oder Fünfsterne Hotel ab 400 Polnische Zloty (100 Euro)pro Nacht

 

Geld:
In Polen bezahlt man mit Zloty, 1 Euro entspricht 3,99 Polnische Zloty

 

Allgemeine Informationen:
Nach Polen kann man über das ganze Jahr reisen. Es gibt genug Abwechslung. Entweder man besucht Städte wie Zamosc, wandert durch das Gebirge oder leiht sich ein Rad.

Weitere Auskünfte:
Polnisches Fremdenverkehrsamt: www.polen.travel

 

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